Knapp zwei Monate sind vergangen, seitdem wir euch von unserer Planänderung, Neuseeland früher zu verlassen, erzählt haben. Damals wussten wir noch nicht im Detail, wann und wie unsere Rückkehr aussehen würde, geschweige denn wie es nach unserer Ankunft in Heidelberg weitergeht. Sieben Wochen vorgespult und ich sitze mit Blick auf eine Pferdeweide nach getaner Farmarbeit auf meinem Sessel, Rückflüge sind gebucht, Jobverträge unterschrieben, eine Wohnung ist gefunden und Arzttermine sind vereinbart. Matthias hat seine Sachen gepackt und wird in ein paar Tagen schon in Frankfurt aus dem Flugzeug steigen, während ich den gleichen Ausblick auf die Weide noch für ein paar Wochen länger haben werde. In 7 Wochen ist also viel passiert, so viel, dass wir mit dem Berichten gar nicht hinterhergekommen sind. Hier kommt also unser längst überfälliges Update mit den letzten Abenteuern auf der Nordinsel Neuseelands.
Die Überfahrt von der Südinsel zur Hauptstadt Wellington ist entspannt verlaufen und wir haben uns vorerst von Tobi und Selma verabschiedet. Während die beiden ein paar Tage die Stadt erkundeten, mussten Matthias und ich unseren Van Herbie zum Klempner bringen, um nötige Anpassungen für die neuen Freedom-Camping-Regeln vorzunehmen. Wiedervereint haben wir uns beim Fat Freddys Drop Konzert außerhalb von Wellington. Was für ein glücklicher Zufall, dass die legendäre neuseeländische Band ausgerechnet in diesem Zeitraum in Wellington spielte. Unter freiem Himmel konnten wir zu der Reggae/Blues/Jazz-Musik tanzen und haben festgestellt, dass es ziemlich entspannt bei dem Konzert zuging. Der Verkauf von Alkohol wurde stark kontrolliert (nur zwei Getränke pro Kauf pro Person, viel Security, große Wasserspender und sogar kostenlose Sonnencreme!). Außerdem wurden, ähnlich wie auf einem Fußballfeld, Streifen als Korridore auf den Rasen gesprüht, die freigehalten werden sollten. Trotz großer Menschenmenge wurde sich penibel daran gehalten, ohne Zaun oder Absperrband. Auf jeden Fall eine andere Erfahrung!
Danach bereiteten wir uns auf unser nächstes Erlebnis vor – anstelle eines „Great Walks” planten wir den „Great Paddle”- eine 4-tägige Kanutour auf dem Whanganui River. 4 Tage mitten in Neuseelands Wildnis, ohne Empfang, ohne Guide und ohne viel Paddelerfahrung. Die beliebten Touren werden von vielen Anbietern durchgeführt. Wir entschieden uns für einen kleinen Familienbetrieb und fuhren zu dem dazugehörigen Campingplatz. Dort folgte ein Sicherheitsbriefing, wir wurden eingekleidet und bekamen große Fässer für Kleidung und Essen. Der Vorteil an einer Kanutour ist, dass man nicht auf das Packgewicht achten muss. Tatsächlich wurde die Vorbereitung dadurch noch schwieriger. Beim Wandern packen wir nur das Nötigste ein, jetzt fanden Wassermelone und Feierabendbier ebenfalls ihren Weg in die Fässer. Mit zwei anderen Pärchen, die wir im Laufe unserer Tour abends auf den Campingplätzen wiedertrafen, wurden wir zum Startpunkt der Paddeltour gebracht und bekamen ein paar letzte Hinweise von unserem Guide gesagt, der danach am Ufer zurückblieb. Da es seit langer Zeit nicht mehr geregnet hatte, war der Wasserspiegel niedrig, was mehr Paddeln bedeutete. In 4 Tagen paddelten wir über 100 Kilometer und wurden von Paddelanfängern zu naja, Fortgeschrittenen. Die größten Herausforderungen waren die vielen Stromschnellen, durch die man zwar schneller vorankam, allerdings waren die nicht ganz ungefährlich. Wenn man nicht genau die Mitte der Stromschnelle anpaddelte (das sogenannte „V“), wurde man dahinter gerne mal im Kreis gedreht oder, was Matthias und mir passiert ist, man kenterte fast! Es war der letzte Tag, und wir wurden vor der Stromschnelle, genannt „50/50”, vorgewarnt. Nur 50 % schaffen es heil durch diese Etappe. Wenn einem das zu riskant war, konnte man das Kanu am Ufer vorbeitragen. Wir ließen uns darauf ein (no risk, no fun) und paddelten, so stark wir konnten, genau darauf zu. Mit einem ganz leichten Winkel wichen wir von der Mitte ab, bei dieser Stromschnelle ein Problem. Sofort schwappte literweise Wasser ins Kanu, und in meiner Panik fing ich an, das Wasser mit den Händen rauszuschöpfen, statt weiter zu paddeln. Andere Paddler, die sich das Spektakel am Ufer anschauten und schon durch die Stromschnellen durchgekommen waren, riefen uns laut zu und signalisierten mit Händen und Füßen, dass ich weiterpaddeln musste. Erst da kam ich wieder zu Sinnen und in letzter Sekunde schafften Matthias und ich es ans Ufer, wo wir das Kanu mit Hilfe anderer auskippten. Tobi und Selma kamen deutlich entspannter an, die Stromschnelle erhielt ihren Namen wirklich zurecht. Eine etwas unspektakuläre Stromschnelle konnten wir auf Video festhalten:
Rückblickend waren die 4 Tage im Kanu inmitten unberührter Natur und friedlicher Stille eines der Highlights unserer Zeit in Neuseeland. Aber es ging auch direkt aufregend weiter: Ganz in der Nähe des Whanganui Rivers befindet sich die Vulkanlandschaft, bekannt aus „Herr der Ringe”, von der man einen Teil als Tageswanderung durchlaufen kann. Das Tongariro-Alpine-Crossing war eine herausfordernde, aber durchaus sich lohnende Wanderung, bei der wir mal wieder mit bestem Wetter belohnt wurden.
Nach dieser Woche voller Aufregung und Erlebnisse sehnten wir uns alle nach etwas Ruhe und Entspannung. Die findet man nirgends wo besser als am Meer, und so machten wir uns auf den Weg zur Ostküste, nach Waihi Beach. Hier blieben wir einige Tage zum Surfen, Chillen, Basteln und Kaffee trinken, und hier nahmen wir auch Abschied von Tobi, der sich wegen der Arbeit schon früher als Selma wieder auf den Weg nach Deutschland machen musste.
Geplant war, dass wir für die nächsten zwei Wochen mit Selma im Herbie (3-Sitzer) noch bis in den Norden der Nordinsel fahren würden, aber eine Sorge machte sich vor allem bei mir immer breiter. Das Sommerende näherte sich, und immer mehr Reisende verkauften ihren Campervan, bevor sie Neuseeland verließen. Das Verhältnis von Nachfrage und Angebot ist unausgeglichen und die Facebook-Gruppen, über die der Verkauf hier hauptsächlich stattfindet, explodieren vor günstigen Angeboten. Dazu kam, dass wir vor allem in den letzten Wochen regelmäßig zu Autowerkstätten fahren mussten, um Dinge reparieren zu lassen. Wir hatten also viele Reparaturkosten, gleichzeitig keine Gewissheit, das Auto überhaupt verkauft zu bekommen und so etwas von unserem Ersparten wiederzubekommen. Es war ursprünglich ja geplant, über den Winter zu arbeiten und dann zum Frühlingsanfang den Van zu verkaufen, bevor unser Jahr zu Ende geht. Nun konkurrierten wir mit Tausenden anderen darum, ein Auto zu verkaufen, und das bei wenig Nachfrage.
Ich konnte mit dem Stress und der Ungewissheit nicht so gut umgehen und wäre am liebsten sofort nach Auckland gefahren, um Herbie zu verkaufen. Vorbei war meine Reiselust, vorbei die Neugier, noch den Rest der Nordinsel zu sehen. Da ich aber nicht alleine unterwegs war und ein sofortiger Verkauf auch mit hohen Kosten verbunden gewesen wäre (schließlich wohnten wir zu der Zeit noch im Van und sparten dadurch viel Geld), fuhren wir erstmal nach Coromandel, um ein paar „Must Sees” abzuhaken. Dazu zählten der Hot Water Beach (hier konnte man sich eine Kuhle graben und im warmen Wasser sitzen) und die Cathedral Cove mit den wunderschönen Stränden. Wir entschlossen uns, noch eine Hüttenwanderung zu machen, und wanderten zu den „Pinnacles” hoch, einer wunderschönen Berglandschaft mit 360-Grad-Blick auf die Umgebung.
Auf einem Campingplatz nördlich von Auckland überlegten wir, wie die nächsten Wochen aussehen könnten. Einerseits war mir bewusst, dass ich vieles im Northland, wie Cape Reinga, verpassen würde, andererseits war mir das zu dem Zeitpunkt egal. Einzig mein schlechtes Gewissen Selma gegenüber, dass wir nicht wie ursprünglich geplant zusammen weitere hunderte Kilometer nördlich reisen würden, hielt mich davon ab, Herbie direkt online zu stellen. Aber auch hierfür fanden wir eine Lösung. Gemeinsam fuhren wir noch bis nach Whangarei, ca. 2 h nördlich von Auckland, und verbrachten ein paar Tage am Strand, bevor Selma per Bus alleine weiterreiste. Matthias und ich fuhren nach Auckland zurück und kümmerten uns um die Erneuerung des TÜVs (durch den wir auch durchgefallen sind, aber das ist eine andere Geschichte) und organisierten Treffen mit potentiellen Käufern. Nach einer Woche hatten wir Herbie noch immer und konnten Selma zu ihrem Abflug zum Flughafen fahren. Es dauerte eine weitere Woche, sämtliche Nerven und viel Kompromissbereitschaft, bis wir Herbie für einen „okayen” Preis an ein junges spanisches Pärchen verkauften. Die letzten Tage mit Herbie verbrachten wir auf einem Campingplatz außerhalb Aucklands. Ich bin zusätzlich noch krank geworden und Matthias und ich machten mehr als drei Kreuze, als wir die Schlüssel übergaben. So schön die Abenteuer mit Herbie waren, so glücklich waren wir, als wir kurz danach zum ersten Mal im Intercity-Bus saßen und ohne Sorgen Richtung Raglan fuhren.
Raglan, ein kleiner Surferort an der Westküste, war die ganze Zeit unser Ziel vor Augen, und umso mehr genossen wir die Busfahrt dorthin. Zum Glück konnten wir unsere Koffer bei einem Familienfreund von Matthias, namens Robert, in Auckland lassen, und so waren es nur Matthias und ich, mit zwei Rucksäcken und einer freiwilligen Abhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg nach Raglan. Gleich am ersten Abend in Raglan gingen wir auf ein Konzert von einer neuseeländisch-niederländischen Band, „My Baby”, die Matthias bei seinem ersten Aufenthalt in Neuseeland zufällig kennengelernt hat. Die weiteren Tage in Raglan fühlten sich an wie Urlaub vom Reisen. Wir schliefen in einem richtigen Bett, hatten eine große Küche, gingen jeden Tag zum Yoga, surften so oft es ging und gönnten uns das ein oder andere Essen im Restaurant. Raglan ist eine unglaublich lebendige Kleinstadt mit Farmersmärkten, Konzerten, einer Kaffeekultur und einer sehr „zurückgelehnten” Stimmung. Es war genauso, wie wir es uns vorgestellt hatten. Untergekommen sind wir bei Stuart, einem Künstler und „Local“, mit dem wir viele Abendessen und Geschichten teilten. Wir haben uns schnell wie zuhause gefühlt, Matthias hat Feigen gepflückt und ich habe Marmelade draus gemacht. Am besten war, dass meine Freundin Jessy aus Kanada zur gleichen Zeit wie wir in Raglan war und wir viel Zeit miteinander verbringen konnten. Vor einigen Wochen schon entschied ich mich dafür, gemeinsam mit ihr Ende März zurück nach Vancouver zu fliegen und dort einen langen Layover zu verbringen (18 Tage, um genau zu sein). Somit waren nicht nur Matthias’ Tage in Neuseeland gezählt, sondern auch meine. Aber manchmal muss man Gelegenheiten wahrnehmen, so wie sie kommen, und für mich war das die gemeinsame Reise mit Jessy nach Kanada.
In Raglan kümmerte ich mich auch um Jobs in Deutschland, und noch bevor wir abreisten, hatte ich einer Stelle in der neurologischen Reha (Schmieder Kliniken) zugesagt, bei der ich am 1.5.2025 mit einer Vollzeitstelle als Physiotherapeutin starten werde. Als wenn das nicht schon ein großer Schritt in Richtung Realität wäre, haben wir auch noch eine Zusage für eine wirklich tolle Wohnung in Heidelberg bekommen. Eine große Erleichterung, denn der einzige Markt, der schwieriger ist als Aucklands Campervan-Markt im März, ist vermutlich der bezahlbare Wohnraum-Markt in Heidelberg. Die letzten Tage in Raglan waren wie ein langer Ausatemzug, nachdem wir lange die Luft angehalten hatten. Ich bin mir bewusst, dass unsere „Probleme” im Vergleich zu dem, was sonst in der Welt gerade so passiert, klein sind, aber trotzdem wollen wir es mit euch teilen. Unsere Zeit in Neuseeland ist anders gekommen, als wir es uns ausgemalt haben. Pläne ändern sich, und manchmal ist es am allerschwersten, diese loszulassen. Nicht alles kontrollieren zu können, war für mich die größte Herausforderung, aber auch die beste Erkenntnis der letzten Wochen. Und jetzt sitze ich vor dem großen Fenster mit Blick auf die Pferdeweide, auf einer Farm in der Nähe von Auckland. Matthias und ich wollten unbedingt noch eine WWOOFing-Erfahrung (Worldwide Opportunities on Organic Farms) sammeln und haben uns für unser letztes Ziel in Neuseeland bei einer wunderschönen Farm beworben. Nach einem kurzen Wiedersehen mit Robert in Auckland und einer kurzen Sightseeing-Tour ging es für uns letzte Woche also auf die Farm in der Nähe von Muriwai Beach, wo wir 4–5 h an 5 Tagen der Woche mit anpacken. Die Arbeit reicht vom Unkrautzupfen über „native bush” freischneiden bis zum Pferdeäpfel-Auflesen. Für mich ist es richtig schön, wieder in der Nähe von Pferden zu sein. Am Montag nimmt Brigitte, die Farmbesitzerin, mich mit für einen Ausritt am Strand. Dass ich das in Neuseeland noch erleben werde, hätte ich auch nicht gedacht. Gut, dass ich damals sogar meine Reithose in dieser Hoffnung eingepackt habe!! Für Matthias wird das der letzte Tag vor der Abreise sein, vielleicht wird er sich auch nochmal aufs Pferd schwingen. In dem Fall bekommt ihr sicher nochmal ein Update mit Fotos. 😉 Unsere Gastgeber sind unglaublich herzlich und wir haben wundervolle Gespräche beim Abendessen. So konnten wir zuletzt doch noch viele Kiwis und ihre Kultur besser kennenlernen.
Nun seid ihr also informiert, wie wir unsere turbulenten letzten Wochen verbracht haben. Sieben Monate Neuseeland sind schneller vergangen, als gedacht, und wir schauen mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf die vergangene Zeit zurück. Es gibt viel, worauf wir uns jetzt freuen, vor allem auf Euch! Und darauf, dass Matthias schnell Hilfe und die richtige Behandlung bekommt. Denn am Ende ist die Gesundheit immer noch das höchste Gut und alles Weitere kommt danach.
Schön, dass ihr uns auf diesem Weg begleitet habt. Bleibt gesund und wir freuen uns sehr, euch bald wiederzusehen.